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Hallenberg rehabilitiert Hexen

19.09.2011 - 00:00 /

Bei den Hexenverfolgungen vom ausgehenden Mittelalter bis ins 18. Jahrhundert in Mitteleuropa handelt es sich um die größte nicht kriegsbedingte Massentötung nach der Judenverfolgung.

Bei den Hexenverfolgungen vom ausgehenden Mittelalter bis ins 18. Jahrhundert in Mitteleuropa handelt es sich um die größte nicht kriegsbedingte Massentötung nach der Judenverfolgung.

Auch im Bereich der heutigen Stadt Hallenberg wurden im Rahmen der sog. Hexengerichtsbarkeit, an der auch der damalige Rat der Stadt Hallenberg beteiligt war, nach derzeitigem Forschungsstand über 200 Menschen in die Hexenverfahren involviert. Es wurden Beschuldigungen über sie zu Protokoll genommen, sie wurden verhört, gefoltert und hingerichtet. Die Auswirkungen des Hexenwahns waren in Hallenberg gravierend und haben alle Schichten der Ortsgesellschaft erfasst.  Von der einfachen Magd bis hin zum Bürgermeister. Bei rund 500 Einwohnern und rund 110 Familien, die damals in Hallenberg lebten gab es wohl kaum ein, die nicht betroffen war.

Die Stadtbücher sprechen davon, dass auch „vornehmbste Häuser“ - gemeint sind alteingesessene und wohlhabende Familien - durch den Hexenwahn zerstört wurden. Unter den Verfolgten waren Frauen wie Männer, etwa im Verhältnis 60 : 40. Rund ¼ der Beschuldigten stammte nicht aus Hallenberg, sondern aus den umliegenden Ortschaften. 13 aus Hesborn, 10 aus Liesen, 6 aus Züschen, 6 aus Bromskirchen, 4 aus Braunshausen, 3 aus Neukirchen und je 2 aus Dreislar, Rengershausen und Wunderthausen, je 1 aus Dodenau, Frankenberg, Medelon, Oberkirchen und Winterberg.

Durch den Hexenwahn verloren in Hallenberg mindestens 43 Menschen auf grausamste Weise ihr Leben. Die Dunkelziffer liegt wohl um einiges höher. Diese Frauen, Männer und Kinder wurden unter Androhung und zumeist auch durch den Vollzug der Folter zu entsprechenden Geständnissen gezwungen. Sie wurden Opfer dieser Gerichtsverfahren. Bis zum heutigen Tag gelten die Betroffenen offiziell als schuldig im Sinne der damaligen Anklage und Verurteilung, mit der sie auch aus der Gesellschaft ausgestoßen wurden. Das von ihnen erfahrene Leid und Unrecht ist nicht wieder gut zu machen.

Wer sich mit Ursachen, Abläufen und Hintergründen ihres tragischen Lebensschicksals beschäftigt, dem muss es aber zugleich auch eine ethische und moralische Verpflichtung sein, sich zur Unschuld dieser Opfer zu bekennen, in dem das geschehene Unrecht öffentlich anerkannt und diesen Menschen dadurch posthum ihre Würde und individuelle Ehre im Sinne der Menschenrechte zurück gegeben wird.

Im letzten Jahr hat die Stadt Rüthen als erste Kommune in Nordrhein-Westfalen die Rehabilitation der Opfer der Hexenverfolgungen durchgeführt. Vorher hatten bereits die Städte Eschwege und Hofheim im Taunus eine Rehabilitation beschlossen. Derzeit werden in mehreren Städten, unter anderem auch in Sundern, in Köln, Düsseldorf, Werningerode und in Essen ähnliche Anträge vorbereitet.

Den Antrag der Stadt Rüthen nahm Stadtarchivar Georg Glade zum Anlass, auf die Opfer der in Hallenberg durchgeführten Hexenprozesse hinzuweisen. Von Seiten der Verwaltung wird dieses Anliegen voll unterstützt.

In der Ratsitzung berichtete Stadtarchivar Georg Glade über den Hexenwahn in Hallenberg. An Hand von Originalprotokolle aus dem Stadtarchiv konnte er anschaulich darstellen, wie schnell man damals unschuldig angeklagt werden konnte. Ein Chance auf Verteidigung bestand kaum und durch Folterungen wurden sehr schnell Geständnisse erpresst. Den kompletten Vortrag von Georg Glade werden wir im nächsten Rundblick abdrucken.

Zeichen setzten und Würde zurückgeben

Bürgermeister Kronauge ging auch auf die Frage ein, warum sich der Stadtrat mit dieser Angelegenheit beschäftigt.

„Was soll  das? Das ist doch schon so lange her. Was haben wir damit zu tun?
Diese Frage werden sich manche gestellt haben.

Warum soll die Stadt Hallenberg sich dazu entschließen, die Unschuld der Hexen anzuerkennen und das an ihnen verübte Unrecht auch als solches zu bezeichnen?
Wir können damit niemand mehr zu Leben erwecken, wir können das geschehene Unrecht nicht rückgängig machen und es geht nicht darum, die Schuld von damals auf uns zu nehmen. Aber wir können ein Zeichen setzen.

Die Hexenprozesse zählen zu den historischen Vorgängen, die bereits viele Jahrhunderte zurückliegen, zumeist nur die Geschichtsforscher interessiere, vielleicht noch einen Teil des Geschichtsunterrichts ausmachen.

Sie bekommen aber zweifellos dann eine besondere Bedeutung, wenn man sie als ein historisches Kapitel in der eigenen Stadtgeschichte kennenlernt, wenn man in den Protokollen Namen liest von Menschen die angeklagt und denunziert haben oder Namen von Menschen die verurteilt, gefoltert und hingerichtet worden sind. Namen die es auch heute noch in Hallenberg gibt. Das sind unsere Vorfahren gewesen. Bis zum heutigen  Tage gelten die Betroffenen - unsere Vorfahren - offiziell als schuldig im Sinne der damaligen Anklage und Verurteilung.

Thomas Winterberg von der Westfalenpost hat in seinem Pressebericht auf die heutige Zeit übergeleitet: „Die Folterwerkzeuge sind weniger blutrünstig, dafür aber subtiler, schon mal was von Mobbing  gehört“. Zwar gibt es keine Hexenverfolgung mehr, aber auch heute führen Vorurteile, Gerüchte und Verdächtigungen gegen Menschen oft zu ihrer gesellschaftlichen Ächtung und Ausgrenzung. Diskriminierung und Diffamierung haben auch bei uns noch in jüngster Zeit zu brutalen oder heimtückischen Gewaltanwendungen gegen Menschen geführt und unschuldige Todesopfer gefordert.

Insofern stellt die öffentliche Rehabilitation der durch die Hexenprozesse im Raum Hallenberg zu Tode gekommen Personen auch und gerade für die Gegenwart eine klare und deutliche Willensbekundung gegen jegliche Missachtung der Menschenwürde und der Menschenrechte in unserer Zeit und in unserem eigenen Lebensumfeld dar.

Der Beschlussvorschlag, die Rehabilitationserklärung lautet: Der Stadtrat Hallenberg erklärt am heutigen Tag die sozialethische (d.h. gesellschaftliche, nicht juristische) Rehabilitation der im Bereich der Stadt Hallenberg und seiner Ortschafen im Rahmen der Hexengerichtsbarkeit unschuldig verurteilten und hingerichteten Personen im Sinne der Menschenwürde und der Menschenrechte. Der Stadtrat gedenkt der Opfer rehabilitiert sie öffentlich und gibt Ihnen allen damit hier und heute im Namen der Menschenrechte ihre Würde zurück.

Dieser Beschluss wurde einstimmig gefasst. Danach erhoben sich alle Anwesenden um  in einer Gedenkminute dieser unschuldigen Menschen gedenken.

Die Entscheidung des Hallenberger Stadtrates hat hohe Wellen geschlagen. Vor allem die Zeitungen aus dem Köln/Düsseldorfer Raum haben sich dafür interessiert, da dort ebenfalls Anträge auf Rehabilitation der Opfer des Hexenwahns gestellt wurden. In mehreren Mails und Schreiben wurde dem Hallenberger Stadtrat zu dieser Entscheidung gratuliert.

Andreas Vogt aus Düsseldorf und sein Mitstreiter Hartmut Hegeler aus Unna haben Bürgeranträge an andere Städte gerichtet um auch dort die Opfer der Hexenprozesse sozialethisch zu rehabilitieren. Nähere Informationen zu den verschiedenen Aktivitäten unter www.anton-praetorius.de.

Vogt schreibt: „Wir freuen uns, dass Rat und Verwaltung in Hallenberg dieses symbolisch positive Zeichen unterstützen. Ein großes Kompliment an Stararchivar Glade. Damit helfen Sie uns bei unseren Aktivitäten in Düsseldorf, Aachen, Werningerode und demnächst auch in Köln“. Die Verwaltungsvorlage aus Hallenberg sowie der Vortrag von Georg Glade liegen inzwischen den Oberbürgermeistern von Köln, Düsseldorf und Aachen vor. In Köln hat sich die Gruppe Bläck Fööss der Sache angenommen um den Antrag zu unterstützen.  


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